LAND DER MENSCHEN OHNE MENSCHEN

Kalaallit Nunaat heißt unser Land heute. Das Land der Menschen. Doch eines Tages vor mehr als 2000 Jahren war Grönland plötzlich menschenleer.

Das Land war für fast 2500 Jahre von wechselnden nomadischen Völkern bewohnt wurden, die von den Ressourcen aus Meer und Land lebten. Doch nun hatte die größte Insel der Welt keine menschliche Bevölkerung mehr.

Stellen Sie sich vor, dass eine Landfläche, die größer als Frankreich, England, Deutschland, Spanien, Italien, Österreich, die Schweiz und Belgien ist, ganz dem Reich der Tiere und Pflanzen überlassen wurde! So bekommen Sie ein Gefühl dafür, was für einem riesigen Land die aus der Region um die Beringstraße eingewanderten Jäger gegenüberstanden, als sie um das Jahr 700 herum über den Smithsund nahe des heutigen Qaanaaq im nördlichsten Teil Grönlands ankamen.

Eines Tages vor mehr als 2000 Jahren war Grönland plötzlich menschenleer.

Doch obwohl sie sehr lange Zeit in Grönland gelebt haben, ist die Periode der Dorset von einem gewissen Mysterium umgeben.

EINE INUITKULTUR MIT GESPÜR FÜR WALD

Heute bezeichnen wir die Bevölkerungsgruppe, welche vor 1300 Jahren ins menschenleere Grönland kam als Dorsetkultur.

Sie entstammen Untersuchungen entsprechend einer früheren Einwanderungswelle aus der Periode kurz vor der Entvölkerung des Landes. Doch obwohl sie sehr lange Zeit in Grönland gelebt haben, ist die Periode der Dorset von einem gewissen Mysterium umgeben. Warum benutzten sie keine Kajaks, wie es die Einwanderer vor und nach ihnen taten? Warum hatten sie keine Hunde und keine Schlitten? Und warum waren ihre Werkzeuge, Siedlungsformen und Technologien so völlig anders als die aller anderen Inuitvölker in Grönland?

Diese Fragen werden noch heute kontrovers diskutiert. Eine gängige Theorie ist es, dass diese Bevölkerungsgruppe aus den nordostamerikanischen Waldregionen stammte, weshalb sie sich von allen anderen Einwanderern vorher und nachher signifikant unterschied. Ein dänischer Archäologe erklärte dies populärwissenschaftlich mit dem Faktor, dass die Dorsetkultur wohl „ein bisschen nach Wald rieche“.

Ihre vermutete Herkunft aus einer wärmeren Klimazone könnte auch erklären, warum die Dorsetkultur ab dem 14. Jahrhundert mit der Kleinen Eiszeit wieder verschwand, welche Grönland kälter und barscher machte.

DAS THULEVOLK BRACHTE DIE SCHLITTENHUNDE

Das barsche Klima und fehlende Sommer scheinen das Thulevolk nicht gestört zu haben, ein Volk spezialisierter und anpassungsfähiger Nomaden, die sich ab 1300 rasch in den eisfreien Küstengegenden ansiedelten. 

Wie die anderen Inuit, die nach Grönland einwanderten, zog das Thulevolk ostwärts – diesmal von der Beringstraße nach Grönland. Es wird berichtet, dass sie aus Sagen und Erzählungen gehört hatten, dass in Nordgrönland Meteoritengestein existierte, welches hervorragende Metalle zur Herstellung von Werkzeugen liefern sollte.

Das Thulevolk ernährte sich u.a. von Wal- und Robbenfang und war höchstwahrscheinlich auch die erste Bevölkerungsgruppe, die Hunde nach Grönland brachte und damit die Kulturgeschichte des Hundeschlittens hier einleitete. Die Angehörigen der Thulekultur unternahmen lange Schlittenreisen in den Fanggebieten. Sie begründeten eine Tradition, die besonders zur Zeit der Arktisexpeditionen um Knud Rasmussens Schlittenreisen in Nordgrönland und dem arktischen Teil Kanadas populär wurde. Heute werden Hundeschlitten sowohl im Alltag der Einheimischen als auch in der Freizeitindustrie intensiv genutzt.

Das Thulevolk ernährte sich u.a. von Wal- und Robbenfang und war höchstwahrscheinlich auch die erste Bevölkerungsgruppe, die Hunde nach Grönland brachte.

„Es gibt verschiedene Aspekte, die immer noch sehr traditionell, faszinierend und mysteriös sind. Beispielsweise fahren die Leute immer noch mit Hundeschlitten zum Fischen. Warum benutzen sie nicht einfach die modernen Schneemobile?“

KULTURELLE TRADITIONEN LEBEN AUCH HEUTE NOCH

Die Thulekultur entdeckte Fangebiete und nutzte andere weiter, die schon vor 4500 Jahren den ersten Einwanderern bekannt waren. Um Sermermiut bei Ilulissat geben archäologische Ausgrabungen einzigartige Einblicke in wechselnde Bevölkerungsgruppen und wie diese in denselben Gegenden Fang, Fischerei und Jagd betrieben haben. Von diesen Spuren wissen wir, dass die Menschen schon 2500 Jahre vor unserer Zeitrechnung die Seewege an der grönländischen Küste entlang genutzt haben.

Obwohl wir keine schriftlichen Quellen aus dieser Zeit besitzen, haben zahlreiche Funde von Werkzeugen und Behausungen in ganz Grönland bekräftigt, dass die Inuitkulturen der Vorzeit über eine ähnliche Anpassungsfähigkeit gegenüber Klima und Natur verfügten, wie sie auch die moderne grönländische Kultur heute prägt. Diese Geschichte ist im grönländischen Nationalmuseum in Nuuk und in vielen regionalen Ausstellungen im ganzen Land dokumentiert.

KAJAK ALS NATIONALES SYMBOL

Auch wissen wir, dass schon die allerersten Einwanderer Grönlands kajakähnliche Fahrzeuge nutzten und dass schon ihre Trachten die ersten Modelle für eine Kleidungstradition darstellten, die heute in den farbenfrohen Nationaltrachten und der nordgrönländischen Fängerkleidung fortbesteht.

Das Kajak ist heute ein grönländisches Nationalsymbol. Dieses Fahrzeug spielt sowohl in der lebendigen Kulturgeschichte und in den Abenteuerexpeditionen die Rolle des wichtigsten Transportmittels die Küste entlang. Nationaltrachten sind hochgeschätzte Schmuckstücke, die wir beispielsweise zu Festen, Jubiläen und am Nationalfeiertag tragen.